Gezähmtes


Vollblut

Gezähmt erweist sich der neue Commodore

in all jenen Eigenschaften, die den

Komfort beeinflussen - als Vollblut

hingegen immer dann, wenn man ihm

Leistung und hohe Fahrwerksqualitäten

abverlangt.

Da steht er also, der Commodore, den ich die nächsten zwei Wochen als Testwagen fahren soll. Es ist die 2.5 S-Version (nicht die noch luxuriösere Berlina). Metallic-blau — „eigentlich undenkbar, ein derart elegantes Auto in einer Schockfarbe zu lackieren", fällt mir dabei ein. Und Eleganz ist ja heute auf unseren Straßen wieder stark gefragt. Das muß man den Rüsselsheimern übrigens lassen: Auf veränderte Markt-bedingungen reagieren sie sehr schnell. Und so sind sie, als sich der Hang zum großen Auto erst mit ganz feiner Nase riechen ließ, daran gegangen, die Modellpalette in diese Richtung aus-zubauen. Der erste Rund-gang zeigt, daß dieser neue Commodore kein Rekord mit Sechszylindermotor ist, sondern sich auch optisch als eigene Klasse im Opel-Programm präsentiert. Die „Sitzprobe" läßt im Innern sachliche Eleganz erken-nen sowie ein Cockpit von gekonnter Übersichtlich-keit mit griffgünstig plazierten Bedienungselementen. Der Blick unter die Motorhaube zeigt den altbekannten, jedoch stark überarbei-teten Sechszylinder. Die Luftansaug-klappe wird, wegen der Kälte, gleich mal in Richtung „Winter" eingerastet (was sich jedoch als falsch — oder zumindest als unnötig erweisen sollte). Dann Motorhaube wieder zu, noch einmal rund ums Auto, einsteigen, Sitzposition optimal einstellen und los geht es zur ersten Fahrt.

Respekterheischende Eleganz

Wer mit dem Commodore auf der linken Autobahnspur daherkommt, dem wird bereitwillig Platz gemacht. Das schafft der elegante Bug, den er — wenn auch mit anderem Grill — vom Senator hat. Trotzdem Ist dieses Auto kein Ver-schnitt von Senator und Rekord, sondern ein eigenständiges Modell, das aus-schließlich mit Sechszylindermotor geliefert wird und das Opel-Angebot zwischen der Mittelklasse und der Spitzenklasse bereichert. Sein schräg angestellter Kühlergrill und die markante Keilform mit der flachen Motorhaube, die schräge Frontscheibe und der erhöhte Heckabschluß ergeben gegenüber dem Vorgänger einen wesent-lich geringeren Luftwiderstand. Bemerkbar macht sich dies durch höhere Endgeschwindigkeit sowie durch gerin-geren Verbrauch.

Was man nicht sieht, was aber die Fahr-sicherheit nachhaltig verbessert, sind der kleine aerodynamische Auftrieb an der Vorderachse und die sehr geringe Seitenwindempfindlichkeit. Das bringt bei hoher Fahrgeschwindigkeit ein Maximum an Richtungsstabilität und Fahrsicherheit. Sehr wohl sehen kann man aber eine andere gestalterische Finesse, und zwar nach einer Fahrt im Regen: Frontscheibe und vordere Dachholme sind so ausgelegt, daß Luft und Schmutz über das Dach und nicht über die Seitenscheiben abgeleitet werden - die Sicht nach links und rechts bleibt darum ungetrübt.


Opel Commodore 2.5S im Test

Der eleganten Frontansicht steht das Heck mit seinen großen Rückleuchten in nichts nach (1). Die Fahrt im Regen macht offenbar, daß strömungs-günstiges Design nicht mit verschmutzten Seitenscheiben verbunden sein muß (2). Gut aufgeräumt und leicht zugäng-lich ist der Motorraum

(3). Wintereinstellung am An-saugschnorchel (4) wird erst bei Frost notwendig. Schein-werferreinigung per Fingertip (5) und leichte Sitzhöhenver-stellung mit Teleskopauszug (6).



Innen geräumig und gediegen

 

Einsteigen und sich wohl- fühlen, ist das Erste, was Fahrer und Passagiere beim Kennenlernen gleich empfin- den. Dieser Eindruck gründet sich auf große Ellenbogen- und Beinfreiheit und auf das in harmonischen Farben abge- stimmte Interieur. Große Fensterflächen sorgen für viel Helligkeit, und viel- fältige Ablagemöglichkeiten halten auch den kleinen Krimskrams sicher in Griff- nähe.

Das Prädikat "mustergültig" verdient der Fahrersitz (besonders im Zusammenhang mit der auf Sonderwunsch erhältlichen Sitzhöhenver- stellung (einer in jedem Fall empfehlenswerten In- vestition). Kollege Computer hat bei der Auslegung des Arbeitsplatzes für den Fahrer mitgeholfen; darum sind selbst bei unter-schiedlicher Körpergröße alle Bezugspunkte optimal. Fraglos trägt neben den straffen, aber bequemen Sitzen auch der geringe Kraftbedarf für Pedalerie und Lenkung zum ermüdungs-freien Fahren bei.

"Sechszylinder-Komfort" vermittelt nicht nur der

leise und kultivierte Lauf des Motors, sondern auch die Luftverteilung, denn nicht weniger als sechs verstellbare Düsen in der Instrumententafel und weitere Austrittsöffnungen im Fußraum sorgen für Frisch- oder Warmluftzufuhr je nach Wunsch und Laune (verstärkbar durch ein vierstufiges! Gebläse). Die behaglich-ruhige Atmosphäre geht aber auch auf das Konto der Bodengruppe mit enthoppelter und isolierter Wanne, hochwirksamer Geräuschisolation und glatten, strömungsgünstigen Außenflächen.

 

Satte Zugkraft ohne Lärm

 

In fast allen Punkten wurde der aus dem Vorgänger-Commodore bekannte 2,5-l-Sechszylindermotor über- arbeitet: Die Verdichtung stieg von 8,9 auf 9,2:1, der Fallstrom-Registervergaser ist noch besser abgestimmt, so daß die zweite Register- stufe trotz sparsamer Ein- stellung beim Beschleunigen weich einsetzt. Wenn die Leistung - wie gehabt - bei 85 kw (115 PS) blieb, blieb sie's aus wirtschaftlichen Gründen: Eine Leistungs-

steigerung hätte den Sprung in die zweitteuerste Ver- sicherungsklasse zwischen 116 und 150 PS bedeutet.
Gesteigert wurde also nicht die Leistung, dafür jedoch die Drehfreudigkeit. Darum beschleunigt das mit seinen Hydrostößeln (selbsttätige Ventileinstellung während der gesamten Lebensdauer) sehr wartungsarme Triebwerk den Commodore in nur 11,5 s von 0 auf 100 km/h und treibt ihn verhältnismäßig rasch auf die recht hohe Endgeschwindigkeit von 180 km/h. Daß es dabei im Fahrzeuginnern trotzt durchgetretenem Gaspedal noch angenehm leise zugeht, ist nicht allein der Eigenart des Sechszylinder-Reihenmotors zuzuschreiben (der als ausgeglichenste und schwingungsärmste Bauart gilt), sondern auch der vergleichweise geringen spezifischen Belastung: 115 PS aus 2,5 l Hubraum bei 5200 Umdrehungen je Minute bedeuten nicht nur eine Liter.Leistung von lediglich 46 PS, sie bedeuten auch eine Kolbengeschwindigkeit von nur 12,1 m/s bei Nenndrehzahl - Werte, die für lange Lebensdauer bürgen.




Radführung exakt und sicher


An den Vorderrädern sorgt je ein Dämpferbein (landläufig nach seinem Erfinder auch "McPherson-Bein" genannt= für vorbildliche Fahrsicher- heit. Eine PTTFE-Beschich- tung (ursprünglich geschaf- fen für die Weltraumfahrt) setzt an Kolben und Kolben- stangenführung des Zweirohr- dämpfers die innere Reibung auch bei kleinen Schwing- ungsamplituden auf ein Mini- mum herab. Federung und Dämpfung sprechen darum überaus sensibel an. Zur weiteren Erhöhung der Fahr- sicherheit kommt ein die Seitenneigung bei Kurven- fahrt verringernder Quer- stabilisator hinzu. Die Be- wegungen der größten Einzel- masse im Borderwagen, nämlich des Motors, ver- ringern zwei hydraulische Dämpfer der Motoraufhängung. Für optimales Fahrverhalten des Vorderwagens ist damit gesorgt.

Und hinten? Hier findet man die wirtschaftliche und wartungsarme Starrachse, an fünf Lenkern aufwendig und exakt geführt. Mit ihrer Spur- Sturzkonstanz sorgt sie für lange Reifenlebens- dauer. Zur Federung dienen progressiv wirkende Schrau- benfedern aus doppel- kegeligem Spezialstahl. Großkalibrige, senkrecht angeordnete Schwingungs- dämpfer bügeln Fahrbahn- unebenheiten aus und vorgespannte Gummielemente erhöhen die Quersteifigkeit zwischen Achse und Aufbau. Auch hier wirkt ein Quer- stabilisator der Seiten- neigung bei Kurvenfahrt und einseitigem Einfedern ent- gegen. Die Bremsanlage ist aus Sicherheitsgründen in zwei Bremskreise eingeteilt, im Hinterradbremskreis unterbindet ein Brems- kraftregler das Blockieren der Räder. Der groß dimen- sionierte Bremskraftver- stärker sorgt für geringe Betätigungskräfte.

Zielgenau und präzise arbeitet die Kugelumlauf- lenkung, die sich (wie im Testwagen mit Servounter- stützung) durch besondere Leichtgängigkeit und guten Straßenkontakt auszeichnet. Der Wendekreis ist für einen Wagen dieser IKlasse mit 10,8m (bei Servolenkung) recht gering und auch ohne Servounterstützung mit 11,5m parkfreundlich und verkehrsgerecht. Neu ist übrigens das Lenkrad mit Sicherheitsprallkorb, das im Falle eine Falles Verletzun- gen so weit wie möglich aus- schließt.

Technische Daten


Motor:


Zylinderzahl 6, Bohrung 87 mm, Hub 69,8 mm, Hubraum 2490 ccm, Verdichtung 9,2:1, Leistung 85 kw (115 PS) bei 5200 u/min, Drehmoment max. 179 Nm (17,9 mkp) zwischen 3000 und 4200 u/min;

7 Kurbelwellenlager, obenliegenede Nockenwelle mit hydraulischem Ventil-spielausgleich; 1 Fallstromregister-vergaser, Startautomatik; frostsichere Überdruck- Flüssikeitskühlung (10,1 l), Umlaufschmierung (5,5 l); Batterie 12 V/44 Ah, Drehstomlichtmaschine 55 A.


Kraftübertragung:


mechanisch betätigte Einscheiben-Trockenkupplung, voll-synchronisiertes Vierganggetriebe (Übersetzungsverhältnisse I 3,64; II 2,12; III 1,336; IV 1,0; R 3,552; Achsantrieb 3,7), zweiteilige Rohrgelenkwelle, Hinterachsantrieb.


Fahrwerk:


Vorderradaufhängung McPherson-Federbeine, Zugstreben, Drehstabilisa- tor; starre Hinterachse mit 4 Längs-lenkern und 1 Panhardstab geführt. Schraubenfedern, Drehstabstabilisator, Teleskopstoßdämpfer, Kugelumlauflenkung 20:1 (Servolenkung 16:1), Wendekreis- durchmesser 11,5m (10,8m); hydraulische Zweikreisbremse mit Bremskraft-verstärker, Bremskraftregler im Hinter-radbremskreis, Scheibenbremsen vorne, Trommelbremsen hinten; Felgen 6Jx14, Reifen 175 HR14 (Sonderausstattung 195/70 HR14, Leichtmetallfelgen).


Maße und Gewichte:


Länge 4705 mm, Breite 1722 mm, Höhe 1410 mm, Spurweite vorn/hinten 1442/1424 mm, Gewichte (zwei-/viertürig) leer 1200/1220 kg, gesamt 1740 kg, Zuladung 540/520 kg, Anhängelast (ungebremst/gebremst) 630/1600 kg.


Fahrleistungen:


Beschleunigung von 0 bis 100 km/h 11,5s, Höchstgeschwindigkeit 180 km/h, DIN-Verbrauch 10,9l/100 km, Testver-brauch 15,9l/100.


Grundpreis:


zweitürig 16 765 DM

viertürig 17 200 DM

Testeindruck: hohe Reife und viel Komfort

Nicht nur beim ersten Kennenlernen, sondern auch bei näherer Betrachtung entpuppt sich der Commodore als augereiftes Fahrzeug von hoher Verarbeitungsqualität, wie sie nur ein Großserienhersteller bieten kann. Sowohl außen wie innen, im gut aufgeräumten, jedweder Wartung leicht zugänglichen Motorraum als auch beim Anblick von unten werden weder konstruktive noch verarbeitungs-technische Mängel offenbar. Verstärkt wird der gute Eindruck durch den kultivierten Motorlauf, der bis zu Geschwindigkeiten von über 170 km/h durch sonoren Ton gefällt und erst im Bereich der Höchst-geschwindigkeit lauter wird - ohne jedoch angestrengt zu wirken. Was Lenkung und Fahrwerk angeht, sind störende Fahrbahneinflüsse am Lenkrad nur insoweit zu spüren, als sie den Fahrer über die Unzulänglichkeit der Straße informieren. Die an füng Lenkern geführte starre Hinterachse zeigt günstiges Eigenlenkver-halten, so daß auch bei schnell gefahrenen Kurven kaum Lenkkorrekturen notwendig sind und selbst der Grenzbereich der Reifenhaftung (leicht über- steuernde Tendenz) durch Gaswegnehmen stets kontrol-lierbar bleibt. Die Leistungsfähigkeit steht außer Zweifel: Bei diesigem Wetter und nicht völlig abgetrockneter Fahrbahr lag die Beschleunigung on 0 auf 100 km/h bei 11,8s, die Höchstgeschwindigkeit bei 177 km/h; bei Hochdruck-wetter verbesserten sich die Werte auf 11,5s und 180,5 km/h.

Zu interpretieren ist in jedem Fall der Test- verbrauch: auf 2018 Testkilometern wurden 321,5l Superbenzin verbraucht, was einem Schnitt von 15,93l/100km Fahrstrecke entspricht. Befahren wurden fast durchweg Autobahnen im Bereich der Höchst-geschwindigkeit. Unter dem Aspekt, daß Schnellzugfahren Zuschlag kostet, ist das ein akzeptabler Wert. Weniger "Bleifuß"-Fahren verringert den Verbrauch sofort, denn bei konstantem Tempo 90 liegt er bei 8,7l/100km und bei 130 (Richtgeschwindig- keit) sind es immerhin erst 12,2l/100km. Zu nennen wäre noch die eingangs erwähnte Umstellung der Ansaugklappe auf Winterbetrieb. (bei Temperaturen um den Gefrier-


punkt noch nicht nötig, denn der Motor läuft trotzdem beim ersten Startversuch sofort erstaunlich rund), was einen Maximalverbrauch von knapp 17l/100km brachte, der nach Umstellung auf Sommerbetrieb bei etwas wärmerem Wetter sofort um etwa 1l/100km sank.

Wie gut der neue Commodore am Markt ankommt, beweist die Herstellungsstatistik: Von Baubeginn im August 1978 bis Jahresende wurden 11 882 Einheuten produziert. Wer ihn sich kauft, weiß komfortables Reisen wohl zu schätzen.

H. Gössl